Koexistenz, Kontamination und Haftung

Eine gentechnikfreie Landwirtschaft ist auf Dauer nicht möglich, wenn auf dem Nachbarfeld gentechnisch veränderte Pflanzen wachsen. (Foto: Manfred Moitzi, Biene bei der Arbeit, bit.ly/1Rnu6oa, creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/)

Da die gentechnisch veränderten Pflanzen in der Regel in der freien Natur angebaut werden, kommt es immer wieder zu Auskreuzungen. Die Bienen und der Wind tragen die Pollen kilometerweit, wodurch veränderte Gene in das Erbgut konventioneller Nutzpflanzen und Wildkräuter gelangen. Außerdem kann sich GVO-Saatgut durch Erntemaschinen, beim Transport oder bei der Lagerung mit anderem Saatgut vermischen. Das führt dazu, dass auch gentechnikfrei wirtschaftende Landwirte transgene Pflanzen auf ihren Äckern finden. Bei Auskreuzungen und bei Anteilen gentechnisch veränderter Pflanzensamen in konventionellem oder Bio-Saatgut spricht man von gentechnischen Verunreinigungen oder auch von Kontaminationen.

Koexistenz auf Dauer nicht möglich

Ein Mit- oder Nebeneinander (Koexistenz) von gentechnisch veränderten und unveränderten Pflanzen ist aufgrund dieser unvermeidlichen Kontaminationen letztlich unmöglich. Von Seiten der Politik versucht man dem Problem mit Abstandsregelungen und Grenzwerten Herr zu werden. So darf ein Landwirt in Deutschland gentechnisch veränderten Mais nur mit einem Abstand von 150 Metern zu konventionell bewirtschafteten Feldern anbauen. (Die Abstandregeln zu Kartoffeln stehen nach wie vor aus) Zu ökologisch bewirtschafteten Flächen muss die Entfernung 300 Meter betragen. Doch auch das reicht meist nicht aus, um Kontaminationen komplett zu vermeiden.

2009 wurden gentechnisch verunreinigte Leinsamen in Deutschland entdeckt. Die Verunreinigung stammt von Pflanzen, die seit 2001 nicht mehr angebaut werden. (Foto: egnilk66, Flax, bit.ly/27RhUb0, creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/)

Um weitere Restriktionen beim Anbau transgener Pflanzen zu vermeiden, hat die EU festgelegt, dass Verunreinigungen von unter 0,9 Prozent zu tolerieren sind, wenn sie zufällig und technisch unvermeidbar sind. Liegt die Kontamination über diesem Schwellenwert, muss gekennzeichnet werden. Für nicht in der EU zugelassene gentechnisch veränderte Pflanzen gilt die sogenannte Nulltoleranz. Das heißt, ein Produkt ist nicht verkehrsfähig, wenn ein nicht zugelassener GVO nachgewiesen wird. Aufgeweicht wurde diese Regelung im Februar 2011. Seither dürfen auch Futtermittel verwendet werden, die bis zu 0,1 Prozent nicht zugelassene GVO enthalten. Für Saatgut und Lebensmittel gilt weiterhin die Nulltoleranz.

Kontaminationen passieren immer wieder und überall: 2006 mussten ganze Reis-Chargen zurückgenommen werden, weil sie mit dem nicht zugelassenen und nur zu Testzwecken angebauten Liberty Link-Reis LL601 verunreinigt waren.

Im September 2009 entdeckten Lebensmittelkontrolleure in Baden-Württemberg Spuren einer nicht zugelassenen, gentechnisch veränderten Leinsaat in zahlreichen Proben. Der Leinsamen mit dem Handelsnamen „CDC Triffid“ war seit 2001 nicht mehr in Kanada angebaut worden. Trotzdem fanden die Prüfer die Verunreinigungen in dem aus Kanada importierten Leinsamen.

Honig, der mit nicht zugelassenen Gentechnik-Pollen verunreinigt ist, darf nicht in den Handel. Imker Bablok musste seinen Honig als Sondermüll entsorgen. (Foto: courtesy Mellifera)

Generell gilt: Je mehr gentechnisch veränderte Pflanzen angebaut werden, umso größer die Kontaminationen bzw. das Risiko von Kontaminationen. Imker sind in ihrer Arbeit besonders gefährdet, weil sich Bienen beim Sammeln der Pollen nicht an Abstandsbestimmungen halten. Nach einer Grundsatzentscheidung des Europäischen Gerichtshofs (EuHG) vom Sommer 2011 gelten Pollen, die sich im Honig befinden, als Lebensmittel. Enthält der Honig Blütenpollen von nicht als Lebensmittel zugelassenen Gentech-Pflanzen, ist er damit nicht verkehrsfähig und muss vernichtet werden. So enthält Honig aus Kanada, wo hauptsächlich Gentech-Raps angebaut wird, regelmäßig GVO-Rapspollen gentechnikfreien Raps-Honig aus Kanada gibt es nicht mehr.

Infodienst-Dossier: Bienen, Honig und Gentechnik

Den Schaden haben Landwirte und Verbraucher

(Foto: pixabay, CC0)

Doch auch Landwirten, die gentechnikfrei wirtschaften möchten, entstehen hohe Kosten. Sie müssen darauf achten, dass ihr Saatgut und ihre Produkte sorgsam von gentechnisch veränderten Pflanzen getrennt werden. Die Überwachung, Tests und Kennzeichnungen kosten ebenfalls Geld. Das muss in der Regel vom gentechnikfrei wirtschaftenden Bauern oder dem Lebensmittelhandel aufgebracht werden. Die Folgen sind höhere Lebensmittelpreise. Die EU gibt an, dass sich Lebensmittel dadurch um rund 13 Prozent verteuern. Umweltorganisationen wie Friends of the Earth gehen von wesentlich höheren Mehrkosten aus.

Infodienst-Dossier: Kosten der Gentechnik

Stellt man bei den Tests Kontaminationen fest, kann es für die Landwirte sogar noch teurer werden: Zwar haften im Schadensfall diejenigen Bauern, die gentechnisch veränderte Pflanzen im Umfeld des ohne Gentechnik arbeitenden Landwirts angebaut haben, aber erst, wenn der Schwellenwert von 0,9 Prozent überschritten wurde. Ökologisch wirtschaftenden Landwirten nutzt das wenig. Sie dürfen ihre Waren nur als Bioprodukte verkaufen, wenn sie komplett gentechnikfrei sind. Den Einkommens- und Imageverlust, den sie erleiden, wenn sie ihre Produkte als konventionelle Ware vermarkten müssen, zahlt ihnen niemand. Im schlimmsten Fall kann der Ökobauer sogar seine Zertifizierung verlieren.

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