Welternährung und Klimawandel

Es gibt nicht zu wenig Nahrungsmittel, sie sind nur schlecht verteilt und werden verschwendet. (Zahlenquelle FAO, Stand 2016)

Rund eine Milliarde Menschen auf der Welt leiden nach Schätzungen der Welternährungsorganisation FAO schon heute an Hunger. Und die Bevölkerung wächst weiter: 2050 werden über neun Milliarden Menschen auf der Erde leben. Wie kann genügend Nahrung für diese Menschen produziert werden? Die Gentechnikindustrie verspricht trockenresistente und ertragreichere Pflanzen. Sie sollen den veränderten klimatischen Bedingungen trotzen und so einen Beitrag zur Ernährung einer wachsenden Weltbevölkerung leisten.

Dahinter steckt die Vorstellung, dass es eine „technische“ Lösung des Hunger- und Klimaproblems geben kann: Die Böden werden trockener, die zur Verfügung stehenden landwirtschaftlichen Flächen nehmen ab – also braucht man einen Hightech-Anbau, der unter diesen Bedingungen funktioniert, so die Logik der Gentechnikbefürworter. Auch Stiftungen wie die Rockefeller- und Ford-Foundation sowie die Bill & Melinda Gates Foundation fördern diesen Ansatz und stecken Milliarden in die Entwicklung neuer Technologien. Nur den Hungernden nützt dies wenig.

Gentechnik – keine Lösung des Hungerproblems

Nahrungsmittelknappheit entsteht hauptsächlich durch Flächenkonkurrenz von Nahrungspflanzen mit Futtermittelpflanzen, durch Bodendegradation sowie durch Verschwendung und Transportverluste. (Bild: Harald Grunsky/pixelio.de)

Das bestätigt auch der Weltagrarbericht von 2009. Der Agrarrat IAASTD (International Assessment of Agricultural Knowledge, Science and Technology for Development) wurde von der Weltbank und zahlreichen UN-Organisationen finanziert, um eine unabhängige Antwort auf die Frage nach der Zukunft der Landwirtschaft und der Lösung des Welthungerproblems zu finden. Der Bericht berücksichtigt nicht nur die ökologischen, sondern auch die sozialen Kosten der bisherigen Produktivitätssteigerungen und weist darauf hin, dass gerade die besonders Bedürftigen am wenigsten von den Steigerungsraten profitiert haben: Trotz kräftig gestiegener Erträge sind Hunger und Unterernährung vor allem in Afrika südlich der Sahara und Südasien nicht besiegt worden, sondern im Gegenteil weiterhin ein drängendes Problem.

Der Weltagrarbericht sieht die größten Chancen in einer Umorientierung der Landwirtschaft: Keine technischen „Wunderpflanzen“ lösten das Problem. Chancen böten vielmehr eine kleinbäuerliche, „nachhaltig“ ausgerichtete Landwirtschaft, die an die jeweiligen lokalen Gegebenheiten angepasst ist. Im Zentrum steht die Förderung des „ländlichen Raums“. Das betrifft die Infrastruktur ebenso wie regionale Wirtschaftskreisläufe und die regionale Wertschöpfung. Außerdem müssen auch die landwirtschaftlichen Subventionen in den Industrieländern auf den Prüfstand.

Strategien gegen Hunger

Der Arbeitsbericht „Forschung zur Lösung des Welternährungsproblems – Ansatzpunkte, Strategien, Umsetzung“ des Büros für Technikfolgenabschätzung beim Deutschen Bundestag stellt klar, dass bei der Bekämpfung des Welthungers viele Aspekte eine Rolle spielen. 

TAB-Arbeitsbericht Nr. 142, Berlin 2011

Fleischkonsum mit Folgen

In Deutschland landen laut einer Studie des Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (März 2012) jedes Jahr insgesamt 11 Millionen Tonnen Lebensmittel im Müll. (Foto: U.S. Department of Agriculture, Fresh Food In Garbage Can To Illustrate Waste, bit.ly/1Ub0vmn, creativecommons.org/licenses/by/2.0/)

Gentechnisch veränderte Pflanzen werden in der industriellen Landwirtschaft eingesetzt. Diese nutzt vor allem den Saatgut- und Pestizidherstellern sowie den Soja- und Maisproduzenten. Die Landwirte haben außerdem ein Interesse, günstiges gentechnisch verändertes Schrot einzukaufen, um damit ihre Tiere zu mästen. Der Fleischkonsum nimmt vor allem in den bevölkerungsreichen Schwellenländern wie Indien oder China kontinuierlich zu. Die FAO schätzt, dass sich der globale Fleischverbrauch bis 2050 im Vergleich zu heute verdoppeln wird, wenn sich am jetzigen Trend nichts ändert. Doch die industrielle Fleischherstellung ist problematisch: Sie basiert nicht auf Weidewirtschaft, bei der die Tiere auf Flächen grasen, die sonst kaum oder gar nicht ackerbaulich genutzt würden, sondern auf der Verfütterung von Kraftfutter, das zu einem Großteil aus Soja und Mais besteht. Allein 40 Prozent der Getreideernte landet so in Tiermägen. Reduzierten wir unseren Fleischkonsum, könnten weitaus mehr Menschen satt werden.  

Weitere Probleme sind die ungerechte Verteilung und die hohen Verluste von Nahrungsmitteln durch mangelnde Infrastruktur im ländlichen Raum und schlechte Lagerung sowie unverantwortliches Wegwerfen durch den Handel und uns - die Konsumenten. Nach der Studie „Global Food Losses and Food Waste“ der Welternährungsorganisation FAO aus dem Jahr 2011 gehen jährlich weltweit schätzungsweise ein Drittel der für den menschlichen Verzehr bestimmten Lebensmittel – etwa 1,3 Milliarden Tonnen – verloren beziehungsweise werden weggeworfen.

Schädlich für Umwelt und Klima

Oftmals werden Kartoffeln umgepflügt oder an Schweine verfüttert, weil der Handel sie nicht abnimmt. (Foto: LID / Jonas Ingolf, Lancierungsfeier Zusammenarbeit FiBL Agroscope, bit.ly/1sO6gOp, creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/)

Jahr für Jahr werden für den Anbau von Soja riesige Flächen (Regen-)Wald gerodet und Baumsavannen und Steppen umgebrochen. Die Folgen sind für die Umwelt verheerend: Der hohe Pestizideinsatz schädigt neben den Ökosystemen auch die Menschen. Außerdem wird der Klimawandel weiter angeheizt, denn durch die Landnutzungsänderung wird ein großer Teil des im Boden gespeicherten Kohlenstoff freigesetzt. Mit dem Sauerstoff verbindet er sich zum klimaschädlichen CO2. Hinzu kommt, dass bei der energieaufwändigen Herstellung von Stickstoffdünger zusätzlich CO2 freigesetzt wird. Dieser bildet bei der Ausbringung auf den Acker außerdem Lachgas, das 296 mal so klimarelevant ist wie CO2.

Dennoch propagieren Konzerne wie Monsanto und Syngenta auch beim Klimaschutz die Gentechnik als sinnvolle und notwendige Technologie. Sogenannte Energiepflanzen wie Raps, Ölpalmen, Zuckerrohr oder Mais sollen mithilfe der Gentechnik so verändert werden, dass sie eine bessere Ertrags- und Energiebilanz haben. Im Februar 2011 hat die US-amerikanische Landwirtschaftsbehörde einen gentechnisch veränderten Mais der Firma Syngenta zugelassen, der die Umwandlung von Maisstärke in Biokraftstoff effektiver machen soll. Bislang gibt es jedoch kaum Praxiserfahrung mit diesen Pflanzen, zudem fürchten die Lebensmittelhersteller eine Verunreinigung ihrer Produkte mit diesem Industrie-Mais. Die generellen Bedenken gegen gentechnisch veränderte Pflanzen gelten außerdem auch dann, wenn sie nicht auf dem Teller oder im Futtertrog landen. Hinzu kommt, dass der Nutzen von Agrokraftstoffen für den Klimaschutz höchst umstritten ist und die Energiepflanzen in direkter Konkurrenz zu den Nahrungspflanzen stehen.

Gentechnik zum Nutzen der Menschen?

Gentechnik-Pflanzen haben sich für einen dauerhaften Mehrertrag nicht bewährt (Foto: Sweetpotato Knowledge Portal, DSCN1520, bit.ly/1WSin9F, creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/)

Trotz jahrzehntelanger Forschung und ständigen Ankündigungen der Industrie: Bislang gibt es weltweit keine gentechnisch veränderten Pflanzen auf dem Markt, mit denen dauerhaft höhere Erträge erzielt werden können oder die sonstige Eigenschaften aufweisen, die sie als besonders geeignet erscheinen lassen für den Anbau bei schlechter werdenden Produktionsbedingungen etwa im Zuge des Klimawandels. Während es zahlreiche konventionelle, gentechnikfreie Pflanzenzüchtungen gibt, mit denen genau dies erreicht werden kann.

Kritiker befürchten ohnehin, dass gentechnisch „optimierte“ Energiepflanzen oder Pflanzen, die den veränderten Klimabedingungen trotzen, vor allem die Akzeptanz der Gentechnik erhöhen sollen. Das gilt auch für ein anderes Prestigeobjekt der Gentechnikindustrie: den sogenannten Golden Rice. Mit diesem soll der gefährliche Vitamin-A-Mangel in Entwicklungsländern bekämpft werden. Wer jedoch auf fehlende wissenschaftliche Studien verweist oder darauf, dass es bereits zielgenauere und kostengünstige Alternativen gibt, wird von den Befürwortern des „Golden Rice“-Projektes schnell mitverantwortlich für den Tod und das Erblinden zahlreicher Menschen gemacht.

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