Welternährung und Klimawandel

Es gibt nicht zu wenig Nahrungsmittel, sie sind nur schlecht verteilt und werden verschwendet. (Zahlenquelle FAO, Stand 2016)

Die Zahl der Hungernden steigt weiter an, so das Ergebnis des Berichts der Welternährungsorganisation FAO von 2018 zur weltweiten Ernährungslage. Schon heute hungern rund eine Milliarde Menschen. Und die Bevölkerung wächst weiter: 2050 werden über neun Milliarden Menschen auf der Erde leben. Wie kann genügend Nahrung für diese Menschen produziert werden? Die Gentechnikindustrie verspricht trockenresistente und ertragreichere Pflanzen. Sie sollen den veränderten klimatischen Bedingungen trotzen und so einen Beitrag zur Ernährung einer wachsenden Weltbevölkerung leisten.

Dahinter steckt die Vorstellung, dass es eine „technische“ Lösung des Hunger- und Klimaproblems geben kann: Die Böden werden trockener, die zur Verfügung stehenden landwirtschaftlichen Flächen nehmen ab – also braucht man einen Hightech-Anbau, der unter diesen Bedingungen funktioniert, so die Logik der Gentechnikbefürworter. Auch Stiftungen wie die Rockefeller- und Ford- sowie die Bill & Melinda Gates Foundation fördern diesen Ansatz und stecken Milliarden in die Entwicklung neuer Technologien. Nur den Hungernden nützt dies wenig.

Gentechnik – keine Lösung des Hungerproblems

Nahrungsmittelknappheit entsteht hauptsächlich durch Flächenkonkurrenz von Nahrungspflanzen mit Futtermittelpflanzen, durch Bodendegradation sowie durch Verschwendung und Transportverluste. (Bild: Harald Grunsky/pixelio.de)

Das bestätigt auch der Weltagrarbericht von 2009. Der Agrarrat IAASTD (International Assessment of Agricultural Knowledge, Science and Technology for Development) wurde von der Weltbank und zahlreichen UN-Organisationen finanziert, um die Frage nach der Zukunft der Landwirtschaft zu beantworten und wie das Welthungerproblem gelöst werden kann. Der Bericht weist darauf hin, dass gerade die besonders Bedürftigen am wenigsten Nutzen von der gesteigerten landwirtschaftlichen Produktion haben: Trotz kräftig gestiegener Erträge sind Hunger und Unterernährung vor allem in Afrika südlich der Sahara und Südasien nicht besiegt worden, sondern im Gegenteil weiterhin ein drängendes Problem.

Der Weltagrarbericht sagt klar: „Weiter wie bisher ist keine Option“, es braucht eine andere Form der Landwirtschaft: Keine technischen „Wunderpflanzen“ lösten das Problem. Chancen böten vielmehr eine kleinbäuerliche, „nachhaltig“ ausgerichtete Landwirtschaft, die an die jeweiligen lokalen Gegebenheiten angepasst ist. Künftig soll vor allem der „ländliche Raum“ gefördert werden. Infrastrukturen verbessert, regionale Wirtschaftskreisläufe angekurbelt und die regionale Wertschöpfung gefördert werden. Landwirtschaftliche Subventionen in den Industrieländern müssen auf den Prüfstand.

Strategien gegen Hunger

Auch der Arbeitsbericht „Forschung zur Lösung des Welternährungsproblems – Ansatzpunkte, Strategien, Umsetzung“ des Büros für Technikfolgenabschätzung beim Deutschen Bundestag stellte schon 2011 klar: bei der Bekämpfung des Welthungers spielen viele Aspekte eine Rolle.

TAB-Arbeitsbericht Nr. 142, Berlin 2011

Fleischkonsum mit Folgen

In Deutschland landen laut Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz jedes Jahr insgesamt 11 Millionen Tonnen Lebensmittel im Müll. (Foto: U.S. Department of Agriculture, Fresh Food In Garbage Can To Illustrate Waste, bit.ly/1Ub0vmn, creativecommons.org/licenses/by/2.0/)

Gentechnisch veränderte Pflanzen werden in der industriellen Landwirtschaft eingesetzt. Diese nutzt vor allem Herstellern von Saatgut und Unkrautvernichtungsmitteln, sowie den Soja- und Maisproduzenten. Die Fleischwirtschaft hat ein Interesse, günstiges gentechnisch verändertes Schrot einzukaufen, um damit ihre Tiere zu mästen. Der Fleischkonsum nimmt dabei vor allem in den bevölkerungsreichen Schwellenländern wie Indien oder China stetig zu. Die FAO schätzt, dass sich der globale Fleischverbrauch bis 2050 im Vergleich zu heute verdoppeln wird, wenn sich am jetzigen Trend nichts ändert. Doch die industrielle Fleischherstellung ist problematisch: Tiere grasen nicht wie bei der Weidewirtschaft auf Flächen, die sonst kaum oder gar nicht ackerbaulich genutzt würden. Sie ernähren sich von Kraftfutter, das zu einem Großteil aus Soja und Mais besteht. Allein 40 Prozent der Getreideernte landet so in Tiermägen. Würden wir weniger Fleisch essen, könnten weitaus mehr Menschen satt werden.

Weitere Probleme rühren daher, dass Nahrungsmittel ungerecht verteilt sind, sie durch mangelnde Infrastruktur wie mangelhafte Straßen im ländlichen Raum verloren gehen, oder sie schlecht gelagert werden können. Hinzu kommt, dass der Handel aber auch wir Konsumenten unverantwortlich viel Essen wegwerfen. Nach der Studie  „Global Food Losses and Food Waste“ der Welternährungsorganisation FAO aus dem Jahr 2011 sind es jährlich weltweit schätzungsweise ein Drittel der für den menschlichen Verzehr bestimmten Lebensmittel – etwa 1,3 Milliarden Tonnen – die verloren gehen beziehungsweise weggeworfen werden.

Schädlich für Umwelt und Klima

Oftmals werden Kartoffeln umgepflügt oder an Schweine verfüttert, weil der Handel sie nicht abnimmt. (Foto: LID / Jonas Ingolf, Lancierungsfeier Zusammenarbeit FiBL Agroscope, bit.ly/1sO6gOp, creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/)

Jahr für Jahr werden für den Anbau von Soja riesige Flächen (Regen-)Wald gerodet und Baumsavannen und Steppen umgebrochen. Die Folgen sind für die Umwelt verheerend: Der hohe Einsatz von Pflanzengiften schädigt neben den Ökosystemen auch die Menschen. Außerdem wird der Klimawandel weiter angeheizt, denn stehen Soja-Pflanzen auf dem Feld, wird ein großer Teil des im Boden gespeicherten Kohlenstoffs freigesetzt. Mit dem Sauerstoff verbindet er sich zum klimaschädlichen CO2. Die Menge an CO2 wird beim intensiven Soja-Anbau zusätzlich erhöht, da auf dem Feld Stickstoffdünger eingesetzt werden, deren energieaufwendiges Herstellungsverfahren noch mehr von dem klimaschädlichen Gas in die Umwelt bringt. Außerdem: Wird Stickstoffdünger auf dem Feld ausgebracht, bildet sich Lachgas das 296-mal so klimarelevant ist wie CO2.

Dennoch preisen Konzerne wie Monsanto und Syngenta auch beim Klimaschutz die Gentechnik als sinnvolle und notwendige Technologie. Sogenannte Energiepflanzen wie Raps, Ölpalmen, Zuckerrohr oder Mais sollen mithilfe der Gentechnik so verändert werden, dass sie eine bessere Ertrags- und Energiebilanz haben. Im Februar 2011 hat die US-amerikanische Landwirtschaftsbehörde den gentechnisch veränderten Mais Enogen der Firma Syngenta zum Anbau aber nicht als Lebensmittel zugelassen, er soll Maisstärke in Biokraftstoff effektiver umwandeln können. 2017 ist dann eingetreten, was die Lebensmittelhersteller schon im Vorfeld befürchtet haben – bei einigen Kunden war der Speisemais mit gentechnisch veränderten Industrie-Mais verunreinigt und musste entsorgt werden. Die generellen Bedenken gegen gentechnisch veränderte Pflanzen gelten also auch dann, wenn sie nicht auf dem Teller oder im Futtertrog landen. Der Nutzen von Agrokraftstoffen ist auch für den Klimaschutz höchst umstritten. Ferner stehen die Energiepflanzen in direkter Flächenkonkurrenz zu den Nahrungspflanzen.

Gentechnik zum Nutzen der Menschen?

Gentechnik-Pflanzen haben sich für einen dauerhaften Mehrertrag nicht bewährt. (Foto: Sweetpotato Knowledge Portal, DSCN1520, bit.ly/1WSin9F, creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/)

Trotz jahrzehntelanger Forschung und ständigen Ankündigungen der Industrie: Bislang gibt es weltweit keine gentechnisch veränderten Pflanzen auf dem Markt, mit denen dauerhaft höhere Erträge erzielt werden können. Auch gibt es keine gentechnisch veränderten Pflanzen, die als besonders geeignet scheinen, den Folgen des Klimawandels wie anhaltende Hitze oder Nässe, Stand zu halten. Während es zahlreiche konventionelle, gentechnikfreie Pflanzenzüchtungen gibt, mit denen genau dies erreicht werden kann.

Kritiker befürchten ohnehin, dass gentechnisch „optimierte“ Energiepflanzen oder Pflanzen, die den veränderten Klimabedingungen trotzen, vor allem dazu dienen, dass mehr Verbraucher Gentechnik auf dem Feld akzeptieren. Das gilt auch für ein anderes Prestigeobjekt der Gentechnikindustrie: den sogenannten Golden Rice. Mit diesem soll der gefährliche Vitamin-A-Mangel in Entwicklungsländern bekämpft werden. Wer jedoch auf fehlende wissenschaftliche Studien verweist oder darauf, dass es bereits zielgenauere und kostengünstige Alternativen gibt, wird von den Befürwortern des „Golden Rice“-Projektes schnell mitverantwortlich für den Tod und das Erblinden zahlreicher Menschen gemacht.

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