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Seit über 30 Jahren wird an gentechnisch veränderten Nutzpflanzen geforscht. Aber nur auf etwa 4,5 Prozent der weltweiten landwirt-schaftlichen Nutzfläche wachsen Gentechnik-Pflanzen. Das macht 13 Prozent der weltweiten Ackerfläche aus. Bisher bauten Gentechnik-Konzerne mit klassischer Gentechnik hauptsächlich zwei Eigenschaften in das Erbgut von Pflanzen ein: Sie machten sie widerstandsfähig gegen Unkraut vernichtende Pestizide (Herbizidresistenz) und versetzten sie in die Lage, selbst Gifte gegen Fraß-Insekten herzustellen, was als Insektenresistenz bezeichnet wird. Diese Eigenschaften wurden vor allem in Soja, Mais, Raps und Baumwolle eingebaut. Diese meisten dieser Pflanzen werden in Nord- und Südamerika, China und Indien in großen Mengen angebaut, auf dem Weltmarkt gehandelt und zumeist als Viehfutter, Textilfaser oder Energiepflanzen verwendet. Nur ein kleiner Teil gelangt als Lebensmittel auf den Markt.
Anbauzahlen nennt der GM Monitor des Beratungsunternehmens AgbioInvesto
Mehr Infos: Grundlagentext Lebensmittel
Neue gentechnische Verfahren (NGT) wie Crispr/Cas bieten den Forschenden Möglichkeiten, gezielter und tiefgehender als bisher in das Erbgut einzugreifen. Sie arbeiten in zahlreichen aktuellen Projekten an Pflanzen, die höhere Erträge bringen, gegen Krankheiten resistent sein oder Trockenstress besser vertragen sollen.
Auf mehr als 99 Prozent aller Gentechnik-Felder wachsen nur vier Pflanzen. Sojabohnen nehmen die Hälfte der Fläche ein. Ein knappes Drittel entfällt auf Mais. Baumwolle und Raps wuchsen 2024 auf 11,8 und 5,0 Prozent von insgesamt 210 Millionen Hektar. 2025 stieg diese Fläche laut AgbioInvestor auf 216 Millionen Hektar. Alle vier Pflanzen weisen nur zwei Eigenschaften auf. Sie sind resistent gegen Herbizide oder können Gifte gegen Fraß-Insekten produzieren. Vor allem bei Mais und Soja besitzen die meisten gv-Pflanzen inzwischen beide Eigenschaften und werden als Stacked Events bezeichnet. (Englisch für gestapelte Eigenschaften).
Zwar wurden auch andere Pflanzenarten gentechnisch verändert (gv), doch konnten sie sich nur auf einzelnen Märkten oder gar nicht durchsetzen. So wachsen in den USA eine herbizidresistente gv-Zuckerrübe sowie eine herbizidresistente gv-Luzerne (Alfalfa) als Viehfutter. Der Versuch, auch herbizidresistenten Reis und Weizen auf den US-Markt zu bringen, scheiterte dagegen an der Skepsis von Landwirt*innen und Lebensmittelherstellern. In Europa passierte dies mit der gv-Kartoffel Amflora. Bei ihr war die Stärkezusammensetzung so geändert worden, dass sich daraus mehr Kartoffelstärke gewinnen ließ. Informationsdienst Gentechnik: Dossier Gentechnik-Kartoffeln
In kleinen Mengen werden in einzelnen Ländern auch insektenresistentes Zuckerrohr (Brasilien), Auberginen (Bangladesh) und Augenbohnen (Nigeria und Ghana) angebaut. Hinzu kommen kleine Flächen mit einer virusresistenten Bohne in Brasilien und einem hitzetoleranten Weizen in Argentinien. Insgesamt standen 2025 elf verschiedene gv-Nutzpflanzenarten auf dem Acker.
Es gibt auch einige gv-Bäume: So wachsen auf Hawaii und in China Papayas, die gegen einen Virus resistent sind. China baut zudem herbizidresistente Pappeln an. In den USA wachsen Pappeln, die mehr Biomasse produzieren und Apfelbäue, deren Äpfel nach dem Anschneiden nicht braun werden.
Mehr Infos: Fallbeispiel Bäume
90 Prozent aller gv-Pflanzen wachsen in nur fünf Ländern. Die Liste führen die USA an, mit 36 Prozent der gesamten weltweiten Fläche mit gv-Pflanzen. Es folgen Brasilien und Argentinien mit 32 und 11 Prozent. Kanada und Indien tragen sechs und fünf Prozent bei. In den USA und Lateinamerika wachsen vor allem gv-Soja und Mais. In Kanada dominiert gv-Raps, während in Indien, Pakistan und China vor allem gv-Baumwolle angebaut wird. China forciert allerdings den Anbau von gv-Soja und gv-Mais.
Insgesamt wurden 2025 in 30 Ländern gv-Pflanzen angebaut. Darunter sind auch einige afrikanische und südost-asiatische Länder sowie Australien. In Europa wird lediglich in Spanien und Portugal der gv-Mais MON810 angebaut. In Spanien waren es laut dem dortigen Agrarministerium 70.000 Hektar, in Portugal stehen im nationalen Umweltbericht für 2024 noch 900 Hektar. Meldungen gab es immer wieder über den illegalen Anbau von gv-Soja in der Ukraine. Informationsdienst Gentechnik: Ukraine: Hälfte der Sojaernte von illegalen Gentech-Pflanzen (25.10.2022).
Den aktuellsten weltweiten Überblick bieten die Zahlen von AgbioInvestor für 2025
Herbizidresistente gv-Pflanzen wurden unempfindlich gegen Spritzgifte gemacht. Wird ein Acker mit dem passenden Herbizid besprüht, stirbt das Unkraut ab und die Nutzpflanze bleibt stehen. Die großen Gentechnikkonzerne bieten das gv-Saatgut und das passende Herbizid dazu als Paket an und verdienen so doppelt. Den Anfang machte das US-Unternehmen Monsanto (heute Bayer) mit seinem glyphosathaltigen Herbizid Roundup. Es folgte der damalige Konkurrent Bayer, der Pflanzen resistent gegen das Herbizid Glufosinat machte. Als durch die ständige Anwendung die ersten Unkräuter nicht mehr auf Glyphosat reagierten, kamen weitere Herbizide wie 2,4-D oder Dicamba dazu, um diese resistenten Unkräuter einzudämmen. So gibt es Pflanzen wie den Mais NK603 x T25 x DAS-40278-9, der gegen drei Spritzgifte resistent ist, damit die Landwirt*innen mehrere Herbizide abwechselnd einsetzen können.
Insektenresistente Gentechnik-Pflanzen, auch Bt-Pflanzen genannt. Diese Pflanzen sind mit einem Gen des Bodenbakteriums Bacillus thuringiensis ausgestattet und stellen dadurch ein Gift her, das schädliche Insekten töten soll. Da diese nach wenigen Jahren selbst Resistenzen entwickelten, kamen zum ersten Bt-Toxin cry1Ab, das etwa der gv-Mais MON810 produziert, zahlreiche weitere Cry-Toxine hinzu. Viele gv-Pflanzen produzieren inzwischen mehrere Bt-Toxine. Zusätzlich enthalten neue Sorten auch andere Bt-Toxine, etwa Vip3Aa19 oder für die Zielinsekten tödliche RNA-Botenstoffe.
Pflanzen, die sowohl Insekten- und Herbizidresistenzen aufweisen, stellten im Jahr 2019 45 Prozent der angebauten gv-Pflanzen. Ihr Anteil dürfte in den letzten Jahren deutlich zugenommen haben, da gv-Mais und gv-Soja fast nur noch als Stacked Events vertrieben werden. Bei Raps hingegen stehen weiterhin Herbizidresistenzen im Vordergrund, während gv-Baumwolle vor allem Bt-Toxine produziert. Bei letzterer kamen jedoch in den letzten Jahren mehrere Stacked Events auf den Markt.
Seit 2012 das Crispr/Cas-Verfahren vorgestellt wurde, arbeiten Wissenschaftler*innen verstärkt daran, damit neue Gentechnik-Pflanzen zu entwickeln. Der letzte Marktbericht des Schweizer Bundesamtes für Umwelt listet 92 Projekte auf. Nur drei Pflanzen, zwei Maissorten in den USA und eine Tomate in Japan werden bereits in kleinen Mengen kommerziell angebaut. 15 Projekte stehen nach eigenen Angaben kurz vor der Marktreife, der Rest ist noch weit davon entfernt. Im Gegensatz zur klassischen Gentechnik werden NGT breiter angewandt. Der Bericht listet 31 Pflanzenarten auf, deren Inhaltsstoffe verändert wurden, die Trockenheit besser vertragen oder gegen Krankheiten resistent sein sollen. Höhere Erträge und kürzere Halme finden sich als Zuchtziel ebenso wie die schon bekannten Herbizidresistenzen. Bis diese und weitere NGT-Pflanzen in nennenswerten Mengen angebaut werden, dürften noch einige Jahre vergehen. Selbst in den USA, wo zahlreiche NGT-Pflanzen schon zugelassen sind, will sie bisher kaum jemand anbauen.
Informationsdienst Gentechnik: So schnell welkt Crispr-Salat (25.03.2024)
Informationsdienst Gentechnik: Neue Gentechnik: kaum Pflanzen auf dem Markt (05.03.2026)
Über die Technik und ihre spezifischen Risiken informiert die Themenseite Neue Gentechnologie Crispr. Mit den Versprechungen, die zu NGT-Pflanzen gemacht werden, befassen sich die Themenseiten Gentechnik und Klimawandel sowie Gentechnik und Welthunger.
Bevor sie gv-Pflanzen kommerziell vermarkten, testen ihre Hersteller sie in Feldversuchen. Dort müssen sie zeigen, ob sie ihre in Labor und Gewächshaus, also in kontrollierter Umgebung, gezeigten Leistungen auch unter Umwelteinflüssen bestätigen. In den letzten 30 Jahren dürfte es weltweit mehrere hunderttausend solcher Feldversuche mit gv-Nutzpflanzen gegeben haben. So zählte allein das US-Landwirtschaftsministerium bis 2013 insgesamt 17.000 Genehmigungen, von denen sich die meisten auf mehrere Standorte bezogen.
In der EU hingegen waren es in den letzten 30 Jahren nur gut 2500 Feldversuche, der größere Teil davon fand vor der Jahrtausendwende statt. Auf Deutschland entfielen davon etwa 800 bis 900, die letzten endeten 2013. Seit 2020 nimmt die Zahl der Feldversuche in der EU wieder leicht zu. Der Grund dafür sind mit NGT hergestellte Pflanzen, von denen die ersten nun versuchsweise auf den Acker kommen.
Karine Lheureux, Klaus Menrad: A decade of European field trials with genetically modified plants (Environ. Biosafety Res. 3 (2004)
Tomasz Zimny: Regulation of GMO field trials in the EU and new genomic techniques: will the planned reform facilitate experimenting with gene-edited plants? (Biotechnologia, 2023)
In anderen Staaten werden NGT-Pflanzen bereits in größerem Umfang getestet. So ließ etwa Bayer 2025 ein NGT-Ackerhellerkraut als Zwischenfrucht zur Ölgewinnung laut Farmdoc Daily auf 2.400 Hektar anbauen.
Werden gentechnisch veränderte (gv) Pflanzen angebaut, ist das mit vielen Risiken verbunden. Einmal in die Natur freigesetzt, lassen sich gentechnisch veränderte Organismen nicht wieder zurückholen. Über Pollen, die vom Wind oder Insekten weitergetragen werden, können die veränderten Nutzpflanzen ihre Eigenschaften wie Herbizidresistenzen an verwandte Arten weitergeben. Das von insektenresistenten gv-Pflanzen freigesetzte Gift schadet nicht nur Pflanzenschädlingen, nützliche Insekten sind ebenso betroffen. Die giftigen Spritzmittel, die mit dem Großteil der herbizidresistenten gv-Pflanzen eingesetzt werden, verringern die Anzahl der Wildpflanzen und gefährden durch wegfallende Futterquellen Insekten ebenso wie Vögel. Wie sich der Verzehr von gv-Pflanzen auf die menschliche Gesundheit auswirkt, ist ungeklärt, denn es fehlen nach wie vor systematisch gesammelte Daten. Wissenschaftler hatten in Tierversuchen mit einem gv-Mais Nierenschäden nachgewiesen. Die Debatte dazu ist im Fallbeispiel Séralini dargestellt. Mit NGT hergestellte Pflanzen weisen prinzipiell die gleichen Risiken auf. Auch kleine Änderungen im Erbgut können zu unerwünschten Effekten führen, zumal viele Gene mehrere Funktionen haben, die durch den Eingriff ebenfalls geändert werden (Pleiotropie). Die Verordnung der EU, mit der sie die Risikobewertung für die meisten NGT-Pflanzen abschafft, war deshalb sehr umstritten. Weitere Infos:
Thementext: Umwelt und Gesundheit
Thementext Neue Gentechnologie Crispr
Thementext Risiken erforschen und bewerten
Fallbeispiel Neues Recht für Neue Gentechnik
Gentechnik-Pflanzen sind für Saatgut-Firmen deshalb so interessant, weil sie darauf Patente anmelden können. Bäuer*innen, die Gentechnik-Saatgut nutzen wollen, müssen das Saatgut jedes Jahr neu kaufen oder Lizenzgebühren zahlen. Züchter*innen dürfen mit patentierten Sorten nur dann weiter züchten, wenn sie mit den Patentinhaber*innen einen Vertrag abgeschlossen haben. Die Patentansprüche umfassen oft auch dieselbe Eigenschaft in herkömmlichen Pflanzen und entziehen diese dadurch den anderen Züchter*innen. Diese befürchten, dass dadurch die Marktkonzentration weiter zunimmt. Bereits jetzt beherrschen die vier größten Konzerne 56 Prozent des weltweiten Saatgutmarktes.
Böll Konzernatlas, S.11
Thementext: Gentechnik und Patente