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Wer heute im Supermarkt Obst oder Gemüse kauft, das in Deutschland angebaut wurde, kann davon ausgehen, dass es nicht gentechnisch verändert wurde. Denn bislang dürfen Landwirte auf deutschen Äckern keine solchen sogenannten gentechnisch veränderten Organismen (GVO) pflanzen. Das könnte sich ab Mitte 2028 aber ändern (siehe unten). Schon jetzt können importierte Nutzpflanzen und ihre Produkte Einfallstore für Gentechnik sein, sei es die Papaya von den Philippinen oder das Sojaöl aus den USA. Die meisten dieser importierten GVO-Pflanzen werden allerdings an Nutztiere verfüttert und gelangen über diesen Umweg als Schnitzel, Käse oder Frühstücksei auf unseren Tisch. Schließlich enthalten viele Lebensmittel Zusatzstoffe, Vitamine und Enzyme, die von gentechnisch veränderten Mikroorganismen hergestellt wurden. Neu hinzugekommen sind in den vergangenen Jahren Lebensmittel aus dem Labor, die mit GVO hergestellte tierische Eiweiße enthalten. Nährlösungen für Mikroorganismen im Fermenter können ebenfalls gentechnisch veränderte Zutaten enthalten. Da die Bevölkerung in Deutschland und der EU Gentechnik im Essen mehrheitlich ablehnt, ist Gentechnik in Lebensmitteln vor allem dort verbreitet, wo sie nicht gekennzeichnet werden muss. Denn dann wissen die Verbraucher*innen nicht, was sie kaufen, obwohl sie es eigentlich gar nicht essen wollen.
Bisher werden vor allem gentechnisch veränderte (gv) Soja, Mais und Raps in Süd- und Nordamerika angebaut und als zugelassene Lebens- oder Futtermittel in die EU importiert. So könnte eine gv-Sojabohne gewürzt und geröstet als Snack verzehrt werden, verarbeitet als Tofu oder ausgepresst als Sojaöl. Das in der Bohne enthaltene Lecithin macht als Zutat Schokolade geschmeidiger und viele Proteinshakes enthalten Sojaeiweiß. Beim Mais reicht die Palette von Tortillas und Polenta bis hin zu Maiskeimöl und aus Maisstärke hergestellten Glucosesirup. Da alle diese Zutaten gekennzeichnet werden müssen, gibt es in Deutschland kaum entsprechende Lebensmittel zu kaufen.
Gentechnisch veränderte Tiere sind bisher in der EU nicht zugelassen und auch anderswo kaum auf dem Markt.
Die EU hat beschlossen, dass ab Mitte 2028 die meisten mit neuen gentechnischen Verfahren (NGT) wie Crispr/Cas hergestellten Pflanzen als Rohstoff oder Lebensmittelzutat ungekennzeichnet vermarktet werden dürfen. Sie hofft, dass dadurch viele solcher NGT-Produkte in die Regale gelangen. Bisher gibt es kaum NGT-Pflanzen auf dem Markt, doch viele in den Laboren. Dabei arbeiten die Forschenden an fast allen wichtigen Arten von Getreide, Gemüse und Obst.
Informationsdienst Gentechnik: Neue Gentechnik: kaum Pflanzen auf dem Markt (05.03.2026)
Der größte Teil an gv-Soja, Mais und Raps, der in die EU importiert wird, landet in Futtertrögen. Die Landwirt*innen wissen, was sie einkaufen, müssen dieses Wissen aber nicht weitergeben. Denn Lebensmittel von mit GVO gefütterten Tieren müssen nicht gekennzeichnet werden – und sind entsprechend häufig. Deutschland importiert ein Viertel des im Tierfutter enthaltenen Eiweißes – einen Großteil davon als Soja. Im Jahr 2023 waren es nach Angaben des Bundesinformationszentrums Landwirtschaft rund 3,2 Millionen Tonnen Soja. Der größte Teil davon war gentechnisch verändert und ging in die Schweineproduktion. Geflügelfleisch und Eier werden zu einem Großteil ohne Gentechnik im Futter hergestellt und freiwillig mit dem Ohne Gentechnik Siegel gekennzeichnet. Es wird vom Verband Lebensmittel ohne Gentechnik (VLOG) vergeben.
Zahlreiche Vitamine und Zusatzstoffe sowie die meisten Enzyme stellen Unternehmen mit Hilfe gentechnisch veränderter Mikroorganismen wie Bakterien, Hefen und Pilzen her. Ein Beispiel dafür ist der Schimmelpilz Aspergillus oryzae, der das Stärke abbauende Enzym Amylase produziert, mit dem viele Bäckereimehle angereichert sind. Ihn gibt es als gentechnikfreie Variante und als GVO. Je nachdem wird die hergestellte Amylase als gentechnikfrei oder als „mit Hilfe von GVO“ hergestellt bezeichnet. Auch die oft verwendete Zitronensäure lässt sich chemisch oder biotechnisch mit GVO herstellen. Werden solche Zusätze für Lebensmittel verwendet, dürfen diese keine lebensfähigen GVO und auch keine nachweisbaren Bestandteile der gentechnisch veränderten DNA enthalten.
Mit neuen gentechnischen Verfahren lassen sich mit GVO Enzyme herstellen, die so bisher in der Natur nicht vorkamen, etwa um Stärke schneller zu verzuckern oder beim Fermentieren von Lebensmitteln spezielle Aromen zu erzeugen. Zugelassen werden solche Enzyme von der europäischen Lebensmittelbehörde EFSA
Gekennzeichnet werden müssen all diese von GVO hergestellten Zusätze nicht. Wer sie vermeiden will, kann zu Bio-Lebensmitteln greifen oder zu solchen mit Ohne Gentechnik Kennzeichnung.
Relativ neu sind Lebensmittel, die tierische Lebensmittel ersetzen wollen und dazu in die gentechnische Trickkiste greifen. So lässt das US-Unternehmen Impossible Foods von gv-Hefen den blutähnlichen Farbstoff Leghämoglobin produzieren, damit seine veganen Burgerpatties echter aussehen. Wichtige Zutaten für die Nährlösungen, in denen im Labor Fleischzellen wachsen, werden von gv-Mikroorganismen hergestellt. Diese können auch tierische Eiweiße wie Kasein produzieren, die in Kuhmilchimitaten verwendet werden. An was Unternehmen derzeit arbeiten, beschreiben zwei Beiträge des gentechnikfreundlichen Portals Transgen:
Zelluläre Landwirtschaft: Kommen in Zukunft Fleisch und Milch aus dem Labor?
Echtes Fleisch aus Zellkultur: Ohne Tierhaltung, aber mit viel High-Biotech
Dass damit auch Risiken verbunden sein können, zeigt eine Studie, auf die das gentechnikkritische Portal GMWatch hinwies. Wissenschaftler*innen hatten einen Milchersatz untersucht, der von gv-Pilzen hergestelltes Milcheiweiß enthalten sollte. Sie fanden darin allerdings auch 236 pilzliche Eiweiße sowie 93 unbekannte Abbauprodukte der verwendeten Pilze.
GMWatch: Synbio milk nutritionally inferior to cow’s milk; contains 93 uncharacterised fungal metabolites and 236 fungal proteins (02.06.2026)
Mit klassischer Gentechnik hergestellte Pflanzen müssen von der EU zugelassen werden. Die Zulassung erfolgt dabei für ein bestimmtes Genkonstrukt (sogenannte „Events“). In der EU sind nur Events für einzelne Sorten von gv-Soja, Raps, Mais und Zuckerrüben als Lebens- und Futtermittel zugelassen. Dazu kommen noch Baumwollsorten als Textilrohstoff.
Datenbank der EU mit allen zugelassenen GVO
Diese zugelassenen Genkonstrukte können andere Lebensmittel verunreinigen. Liegt ihr Anteil dabei über 0,9 Prozent, muss er gekennzeichnet werden. Unter 0,9 Prozent wird eine Verunreinigung als unabsichtlich oder technisch unvermeidbar geduldet. Staatliche Kontrolleur*innen überprüfen, ob Lebensmittel unerlaubt Gentechnik enthalten. Dabei finden sie vor allem bei Sojaprodukten immer wieder Verunreinigungen, die meisten allerdings sind Spuren kleiner 0,1 Prozent.
Beispielhaft hier die Ergebnisse aus Baden-Württemberg für 2025.
Für nicht zugelassene Gen-Konstrukte gilt eine Nulltoleranz. Produkte, in denen auch nur die kleinste Spur davon gefunden wird, dürfen nicht mehr verwendet werden. Das können gv-Papayas sein, die in einigen Ländern angebaut werden oder gv-Reis, der etwa in China illegal angebaut wird. Gen-Events, die einst in Feldversuchen getestet wurden, können noch nach Jahren die Lebensmittelkette verunreinigen. Ein bekanntes Beispiel dafür ist die zur Jahrtausenwende in Kanada getestete gv-Leinsaat Triffid (FP967). Sie tauchte 2009 in Leinsamenimporten aus Kanada auf, die deshalb europaweit aus den Regalen geräumt wurden. Bis heute finden Kontrolleur*innen immer wieder Triffidspuren in Leinsamen.
Fund in Baden-Württemberg 2025
Informationsdienst Gentechnik: Triffid-Leinsamen in drei Bundesländern ausgesät (25.01.2021)
Informationsdienst Gentechnik: Gentechnik in Bioreis durch Feldversuch von 2002? (23.10.2024)
Allerdings passiert es häufig, dass verunreinigte Lebensmittel längst gegessen sind, bevor die Behörden nach einem Fund aktiv werden. Denn von der ersten Probenahme bis zur Meldung im europäischen Schnellwarnsystem können Monate vergehen. Dadurch ist es schwierig, verunreinigte Lebensmittel bis ins Regal zurückzuverfolgen und rechtzeitig zurückzurufen. Die Bevölkerung selbst wird von solchen Fällen meist nicht informiert.
Informationsdienst Gentechnik: Illegale Gentechnik-Soja nach Europa importiert (08.05.2026)
Informationsdienst Gentechnik: Gentechnisch verunreinigte Reisnudeln importiert (26.07.2024)
Damit Verunreinigungen möglichst von Anfang an unterbleiben, untersuchen die Bundesländer auch Stichproben von Saatgut, werden aber nur selten fündig. 2025 gab es bei 738 Proben einen positiven Befund in einer Charge Maissaatgut. Zu den Ergebnissen.
Die meisten mit neuen gentechnischen Verfahren (NGT) hergestellte Pflanzen brauchen in Zukunft keine Zulassung mehr, entsprechende staatliche Kontrollen entfallen, und damit auch die Sicherheit, keine NGT-Pflanzen zu essen.